Mons. Tihamér Tóth– Das ewige Leben – Predigen
In der Berliner Nationalgalerie hängt ein erschütterndes Bild vom Maler Spangenberg: „Der Zug des Todes.“
Auf dem Gemälde sieht man den Tod, wie er durch die Menschen schreitet, mit seiner Knochenhand ein Glöcklein läutend. Eine unübersehbare Menge folgt ihm.
Kleine Kinder folgen dem Tod. In ihren Händen halten sie einen Kranz, den sie im Spiel geflochten: allein in ihr Spiel klingt des Todes Glöcklein, das die frohen Kinder abrief.
Ein lebensstarker Soldat folgt dem Tod. Noch hält er das Gewehr in der Hand, mit dem er in so vielen Schlachten gesiegt: doch auch er hörte das Glöcklein und musste gehen.
Ein junges Mädchen, dessen Stirn der Brautschleier Glöcklein, musste gehen. schmückt, folgt dem Tode: am Hochzeitstag hörte es das
Junge und Alte, Arme und Reiche, Vornehme und Gemeine sind auf dem Gemälde zu sehen, wie sie, von schwärmenden Raben begleitet, widerstandslos hinter dem läutenden Tode herschreiten.
Eine hilflose alte Frau, ein müdes, verrunzeltes Weiblein mit eingefallenem Gesicht, streckt sehnsüchtig ihre Hände aus nach dem Tode, auf dass er auch sie mitnehme, allein die braucht er noch nicht, er lässt sie zurück am Straßenrand.
Und unter dem Bild die erschütternde Aufschrift: Der Zug des Todes.
Fürwahr, lieber Bruder, liebe Schwester, ein Bild, das zum Nachdenken zwingt. Nur auf der christlichen Kanzel darf man diese schmerzliche und erschütternde Wirklichkeit, die Vergänglichkeit, zur Sprache bringen. Sonstwo zucken die Menschen bei diesem Gedanken zusammen. Sonstwo brausen sie auf, sobald man sie ans Ende des irdischen Lebens gemahnt.
Ja, unser christlicher Glaube erweist auch darin seinen erhabenen Wert, dass wir dieser überaus ernsten Frage nicht auszuweichen brauchen, dass wir der furchtbar ernsten Wirklichkeit des Todes nicht bloß ins Auge schauen können, sondern sogar aus der niederschmetternden Tatsache, dem sieghaften Zug des Todes, eine erhebende und beruhigende Lehre zu ziehen vermögen. Denn der christliche Glaube stellt uns zwar die erschütternde Wahrheit vor Augen, dass:
- Die Tatsache des Todes ebenso sicher ist, wie
- Die Stunde des Todes ist unsicher, aber der gläubige Christ wird durch diese Erkenntnis nicht gelähmt, er verzweifelt nicht, er wird vielmehr eben durch sie sogar ermutigt und getröstet.
Jedermann erreicht seines Lebens Ende, jedoch weiß niemand, wann es sein wird. Ebenso wie es sicher ist, dass wir alle sterben, so unsicher ist es, wann wir sterben. Zwei Wahrheiten, deren Richtigkeit leider niemand in Abrede zu stellen vermag.
Quelle: Mons. Tihamér Tóth – Das ewige Leben-Predigen (Herder & GmbH Verlagsbuchhandlung)
Mons. Tihamér Tóth (1889–1939) war Bischof von Veszprém, Ungarn, Universitätsprofessor und einer der bedeutendsten Jugendseelsorger des 20. Jahrhunderts. Seine Werke richteten sich besonders an junge Menschen und wollten ihnen helfen, ihren Glauben, ihren Charakter und ihre moralische Haltung zu stärken.

