Die Kirche lehrt, dass wahre und vollkommene Heiligkeit das Heldentum der Tugend ist. Die Ehre der Altäre wird nicht schwachen, überempfindlichen Seelen zuteil, die vor tiefgründigen Gedanken, vor akutem Leid, vor dem Kampf, kurz gesagt, vor dem Kreuz unseres Herrn Jesus Christus fliehen. In Erinnerung an die Worte ihres göttlichen Gründers: „Das Himmelreich gehört den Gewaltsamen“, heilig spricht die Kirche nur jene, die im Leben wahrhaft den guten Kampf gekämpft haben, jene, die sich das eigene Auge ausrissen oder den eigenen Fuß abschnitten, wenn dies Anstoß gab, und die alles opferten, um einzig und allein unserem Herrn Jesus Christus zu folgen.
In Wirklichkeit erfordert die Heiligung den größten Heroismus, denn sie setzt nicht nur den festen und ernsten Entschluss voraus, notfalls das Leben selbst zu opfern, um Jesus Christus treu zu bleiben, sondern sogar ein langes Leben auf Erden zu führen, wenn Gott es so will, und dabei ständig auf alles zu verzichten, was einem am liebsten ist, um sich allein dem göttlichen Willen anzuschließen.

Eine bestimmte Ikonografie, die leider weit verbreitet ist, stellt die Heiligen ganz anders dar: Sie erscheinen weich, sentimental, ohne Persönlichkeit und Charakterstärke, unfähig zu ernsten, soliden und kohärenten Ideen; sie scheinen Seelen zu sein, die sich nur von ihren Emotionen leiten lassen und daher völlig ungeeignet für die großen Kämpfe, die das irdische Leben stets begleiten.
Die Gestalt der heiligen Therese vom Kinde Jesu wurde durch schlechte Ikonografie besonders verzerrt. Rosen, Lächeln, unbeständige Sentimentalität, ein sanftes, sorgenfreies Leben, eine Person mit Knochen aus Zuckerstangen und Honigblut – das ist das Bild, das man uns von dieser großen, dieser unvergleichlichen Heiligen vermitteln möchte.
Wie sehr unterscheidet sich all dies doch von ihrem wahren Wesen – weit und tief wie das Firmament, strahlend und feurig wie die Sonne, und doch so demütig und so kindlich –, das man beim Lesen ihrer Autobiografie „Geschichte einer Seele“ entdeckt.

Diese beiden Bilder stellen sozusagen zwei verschiedene und sogar gegensätzliche „Theresas“ dar.
Im ersten gibt es nichts Heroisches; dies ist die unbedeutende, oberflächliche und parfümierte Theresa, wie sie sich die romantische und sentimentale Ikonografie vorstellt. Das zweite ist die authentische Theresa, fotografiert am 7. Juni 1897, kurz vor ihrem Tod am 30. September desselben Jahres.
Ihr Antlitz ist geprägt von dem tiefen Frieden, den große und unwiderrufliche Entsagungen erbringen. Ihre Gesichtszüge besitzen eine Klarheit, eine Stärke und eine Harmonie, wie sie nur Seelen mit eiserner Logik an sich haben. Ihr Blick zeugt von ungeheuren Leiden in den tiefsten Tiefen der Seele, offenbart aber zugleich das Feuer und den Mut einer heldenhaften Seele, die entschlossen ist, voranzuschreiten, koste es, was es wolle.
Betrachtet man dieses Antlitz, stark und tiefgründig, wie es nur die Gnade Gottes einer menschlichen Seele verleihen kann, denkt man an ein anderes Antlitz: das des Heiligen Turiner Grabtuchs, das sich kein Mensch hätte vorstellen können und das vielleicht niemand zu beschreiben wagt. Zwischen dem Antlitz unseres verstorbenen Herrn, das einen Frieden, eine Kraft, eine Tiefe und eine Trauer ausstrahlt, die menschliche Worte nicht ausdrücken können, und dem Antlitz der heiligen Therese besteht eine unfassbare und doch sehr reale Ähnlichkeit. Und warum sollte es überraschen, dass das Heilige Antlitz etwas von sich selbst auf das Antlitz und die Seele einer Frau geprägt hat, die sich im Ordensleben Therese vom Kinde Jesu und vom Heiligen Antlitz nannte?

