Gary Isbell
Deutschlands Automobilindustrie galt lange Zeit als unangefochtener Weltmeister im Maschinenbau und in der Produktion hochwertiger Fahrzeuge. Nun steht sie vor einer strukturellen Krise historischen Ausmaßes. Die abrupte Abschaffung der Kaufprämien für Elektrofahrzeuge, explodierende Energiekosten, klimapolitische Auflagen und der unerbittliche internationale Wettbewerb haben einen „perfekten Sturm“ ausgelöst.
Für eine Branche, die auf Präzision und Planbarkeit aufgebaut ist, haben sich ständig wechselnde politische Vorgaben massiv auf die Gewinnmargen ausgewirkt. Die Automobilhersteller sehen sich nun gezwungen, Werke umzustrukturieren und Massenentlassungen anzukündigen. Die Krise ist das Ergebnis eines bitteren Mixes aus hohen inländischen Produktionskosten, einer schleppenden Nachfrage und Verbrauchern, die keine Elektroautos kaufen wollen.
Große Hersteller wie Volkswagen und Daimler Truck schließen Werke und bauen an ihren deutschen Standorten Arbeitsplätze ab. In einer bitteren Ironie zwingt die schleppende Nachfrage nach Elektroautos Traditionsunternehmen wie Mercedes-Benz und Porsche dazu, erneut Milliarden Euro in die Entwicklung von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor zu investieren – genau jener Antriebstechnologie also, die sie eigentlich auslaufen lassen sollten. Damit wollen sie kurzfristig ihr wirtschaftliches Überleben sichern.
Die Fixierung auf Elektroautos und die Flut billiger Importe aus China
Im Zentrum der Kontroverse steht die ehrgeizige Klimapolitik der Europäischen Union mit ihrem kompromisslosen Kurs hin zur vollständigen Elektrifizierung des Straßenverkehrs. Der Erhalt von Verbrennungsmotoren, die mit erneuerbaren Kraftstoffen betrieben werden, sowie von Plug-in-Hybriden könnte die sozialen und wirtschaftlichen Schäden erheblich begrenzen und gleichzeitig Fortschritte beim Klimaschutz ermöglichen. Für die Beschäftigten in den deutschen Automobilwerken ist diese visionäre Politik jedoch zum Albtraum geworden.
Zu diesen hausgemachten Problemen kommen die Belastungen durch den globalen Wettbewerb hinzu. Deutsche Automobilhersteller sehen sich einerseits einer Flut preisgünstiger chinesischer Elektrofahrzeuge ausgesetzt, andererseits belasten US-Zölle auf europäische Exporte das Geschäft. Vor diesem Hintergrund fordern sowohl die Hersteller als auch politische Entscheidungsträger in Deutschland die Europäische Union auf, das für 2035 geplante Verbot neu zugelassener Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor zu lockern – mit Verweis auf die nüchternen Realitäten des Marktes.
Der Preis des „Klima-Paradieses“
Die deutsche Wirtschaft befindet sich in einer Phase anhaltender Stagnation. Wenn der Weg ins „Klima-Paradies“ tatsächlich mit guten Absichten gepflastert ist, dann dürfte man auf diesem Weg künftig nur noch wenige deutsche Autos sehen.
Seit 2019 sind in der Automobilindustrie bereits rund 100.000 Arbeitsplätze verloren gegangen. Bis 2035 könnten weitere 125.000 Stellen wegfallen – das entspricht etwa jedem sechsten heutigen Arbeitsplatz in der Branche. Für einen Industriezweig, den selbst die Bundesregierung als wichtigsten Industriesektor des Landes bezeichnet, ist das eine verheerende Perspektive.
Als die Folgen dieser einschneidenden Vorgaben für die Elektromobilität zunehmend sichtbar wurden, gerieten Berlin und andere europäische Regierungen verständlicherweise unter Druck. Ende 2025 schlug die Europäische Kommission eine abgeschwächte Richtlinie vor, die Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor vorübergehend etwas Luft verschaffen sollte. Doch dieser Rettungsversuch steckt weiterhin im Dickicht der EU-Bürokratie fest – und könnte am Ende zu wenig und zu spät kommen.
Die menschlichen Folgen am Fließband
Elektrofahrzeuge sind technisch weniger komplex und benötigen weniger Bauteile als Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor. Entsprechend werden auch weniger Arbeitskräfte für ihre Produktion benötigt. Allein dadurch lässt sich der beschleunigte Arbeitsplatzabbau jedoch nicht erklären. Die eigentliche Tragödie liegt im Verlust des wirtschaftsfreundlichen Umfelds, von dem die deutsche Automobilindustrie über Jahrzehnte profitiert hat.
Nach Ansicht des Autors hat Berlins Entscheidung, den Ausbau teurer und wetterabhängiger Solar- und Windenergie voranzutreiben und gleichzeitig funktionierende Kernkraftwerke stillzulegen, ganze Industriezweige schwer geschädigt.
Unter den 38 Mitgliedstaaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) belegt Deutschland bei den Unternehmenssteuersätzen lediglich Rang 30. Hinzu kommen eine immer umfangreichere Bürokratie und steigende regulatorische Belastungen. Vor diesem Hintergrund ist nachvollziehbar, weshalb sich inzwischen jedes zwölfte deutsche Unternehmen ernsthafte Sorgen um sein wirtschaftliches Überleben macht. Während das Land mit ansehen muss, wie seine traditionsreichste Industrie unter dem Gewicht dieser politischen Vorgaben ins Wanken gerät, drängt sich für den Autor eine bittere Schlussfolgerung auf: Wirtschaftlicher Selbstmord ist niemals schmerzlos.
Quelle: tfp.org
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