Festtag des heiligen Ignatius von Loyola: 31. Juli.
Plinio Corrêa de Oliveira
Die Geistlichen Übungen des heiligen Ignatius von Loyola werden häufig als eine großartige Abfolge logisch aufgebauter Überlegungen dargestellt, die einen Menschen dazu führen können, sein Leben zu ändern, seine Seele zu retten, seinen Lebensstand zu wählen oder wichtige Entschlüsse zu fassen.
All diese Schätze finden sich tatsächlich in diesem Werk. Doch sollten wir unseren Blick noch weiter öffnen, um einen weiteren Schatz zu entdecken, auf den nur selten hingewiesen wird: seine Weisheit. Wer geistige Ausgeglichenheit, seelisches Gleichgewicht und wahre Weisheit erlangen möchte, der lese die Geistlichen Übungen des heiligen Ignatius von Loyola. Seine Denkweise ist nicht bloß spekulative Überlegung. Vielmehr gibt es kaum eine vernünftigere oder logischere Art, über die konkreten Probleme des menschlichen Lebens nachzudenken, als die des heiligen Ignatius. Wer sich mit seiner Denkweise vertraut macht und sie sich zu eigen macht, gewinnt eine wahrhaft außergewöhnliche innere Ordnung und Festigkeit.
Was ist es an den Geistlichen Übungen des heiligen Ignatius, das unser besonderes Lob verdient?
Zunächst ist es die Weisheit, mit der er die einzelnen Themen entfaltet. Er gelangt stets unmittelbar zum Kern einer Frage. So führt seine Betrachtung über die Sünde den Menschen dazu, über die Schwere der Sünde und die Rechte Gottes nachzudenken. Von dieser grundlegenden Einsicht aus wird jeder befähigt, auch die Schwere seiner eigenen Sünden richtig einzuschätzen. Immer entwickelt Hl. Ignatius seine Gedanken von einem zentralen Punkt aus auf eine logische, einfache, unmittelbare und unwiderlegbare Weise. Am Ende bleibt uns nur die Wahl: Entweder wir gestehen ein, dass wir keinen Glauben haben, oder wir erkennen an, dass er recht hat.
Zweitens lehrt uns der heilige Ignatius, unser eigenes Leben mit völliger Aufrichtigkeit zu betrachten. Die Geistlichen Übungen sind so aufgebaut, dass sie uns zu größtmöglicher Objektivität gegenüber unseren Fehlern, Tugenden, Lebensumständen und Pflichten führen. Der Heilige lehrt uns, gegen die zahlreichen und verschlagenen – meist nur halbbewussten – Ausweichmanöver anzukämpfen, mit denen wir uns so oft davor schützen, uns selbst wirklich kennenzulernen. Seine Logik gleicht einem geraden Pfeil, der uns zwingt, den Tatsachen offen und ehrlich ins Auge zu sehen. So erkennen wir uns selbst, wie wir wirklich sind. Bei dieser geistlichen Gewissenserforschung gelangen wir an einen Punkt, an dem wir weder uns selbst noch Gott etwas vormachen können.
Mag diese ehrliche Selbsterkenntnis tröstlich oder schmerzlich sein – sie ermöglicht es uns, daraus heilsame Schlussfolgerungen zu ziehen und gute Vorsätze zu fassen.
Bewundernswertes Gleichgewicht zwischen Verstand und Wille
Schließlich vermittelt uns der heilige Ignatius ein bewundernswertes Gleichgewicht zwischen Verstand und Wille auf der einen Seite sowie dem Gemüt und den Empfindungen auf der anderen Seite. Seine Argumentation gründet sich auf die Vernunft, nicht auf Gefühle oder Stimmungen. Sobald jedoch die Vernunft die Führung übernommen hat, fordert er den Menschen auf, auch seine Gefühle der Vernunft folgen zu lassen. Deshalb lädt uns Hl. Ignatius zunächst dazu ein, über einen Gegenstand nachzudenken, und anschließend einen Ort oder eine Situation vor unserem inneren Auge vorzustellen, die gute Regungen in unserer Seele hervorrufen kann. Mit anderen Worten: Er bemüht sich, die menschliche Empfindung mit den logischen Einsichten in Einklang zu bringen. Sollten jedoch unsere Gefühle von den Überlegungen unberührt bleiben, rät er uns dennoch, die Übung fortzusetzen, weil die Vernunft uns zeigt, dass dies der richtige Weg ist. Welch bewundernswertes Gleichgewicht!
Verhältnis zwischen dem Übernatürlichen und dem Natürlichen
Ebenso schafft der heilige Ignatius ein ausgewogenes Verhältnis zwischen dem Übernatürlichen und dem Natürlichen. Immer wieder fordert er uns auf, einen Akt der Liebe oder einen Willensakt zu vollziehen. Er verlangt von unserer Seele, sich zu „üben“, bittet uns aber ebenso beständig, innezuhalten und Gott um Licht zu bitten, damit wir dieses oder jenes besser erkennen. Wir sollen Gott bitten, unsere Seele in jene Richtung zu bewegen, die Er für uns vorgesehen hat. Mit anderen Worten: Hl. Ignatius bemüht sich in jeder Hinsicht darum, in uns jene natürlichen Voraussetzungen zu wecken, die es uns ermöglichen, die Führung anzunehmen, die Gott uns schenken möchte. Darin zeigt sich eine wahrhaft außergewöhnliche Fülle an Weisheit.
Gerade in dieser Hinsicht steht der heilige Ignatius in scharfem Gegensatz zu allem Willkürlichen, Maßlosen und Irrationalen, das unsere Zeit so häufig prägt. Alle Heiligen sind das genaue Gegenteil des Hippie-Ideals Charles Manson* beispielsweise verkörperte in charakteristischer Weise das Gegenteil: ein Mensch ohne inneres Gleichgewicht, ohne Achtung vor Vernunft und Gesetz, gleichsam ein wildes Tier, das auf die Welt losgelassen wurde.
Im heiligen Ignatius begegnen wir dem exakten Gegenbild: Besonnenheit, Logik, gesunder Menschenverstand und Sinn für das rechte Maß. Unter diesem Gesichtspunkt ist er ein unvergleichlicher Meister der Weisheit.
*Anmerkung: Charles Manson (1934–2017) war ein amerikanischer Sektenführer und Schwerverbrecher. Im Jahr 1969 veranlasste er Mitglieder seiner sogenannten „Manson Family“ zu mehreren brutalen Morden, darunter an der Schauspielerin Sharon Tate. Die Mitglieder der „Manson Family“ praktizierten die sogenannte „freie Liebe“, lebten von gespendeten Lebensmitteln und konsumierten Drogen, insbesondere LSD. Mansons Name wurde weltweit zum Sinnbild moralischer Verwahrlosung und zerstörerischer Gesetzlosigkeit. Der Vergleich im vorliegenden Text dient dazu, den Gegensatz zwischen Mansons chaotischer, maßloser Lebensweise und der von Vernunft, Selbstbeherrschung und geistlicher Ordnung geprägten Haltung des heiligen Ignatius von Loyola hervorzuheben.
Der vorstehende Artikel geht auf einen frei gehaltenen Vortrag zurück, den Professor Plinio Corrêa de Oliveira am 31. Juli 1970 hielt. Für die Veröffentlichung wurde er aus dem Englischen übersetzt und redaktionell bearbeitet; eine Durchsicht durch den Autor fand nicht statt.
Auf Englisch: Discovering the Wisdom of Saint Ignatius | TFP
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