
Plinio Correa de Oliveira
Die Geißelung
„Da nahm Pilatus Jesus und ließ ihn geißeln.“ (Johannes 19,1)
Pilatus meinte, dass er durch die Geißelung Jesu die Volksmenge zufriedenstellen und Ihn so freilassen könne. So denkt die Schwäche immer: Kompromisse schließen, dem Bösen nachgeben, um es zu besänftigen. Doch genau das macht alles nur schlimmer.
Die Peiniger banden ihm die Hände und führten ihn unter Schlägen, Stößen und Gelächter zur Säule. Seine Sanftmut, seine Güte und seine freiwillige Weigerung, sich zu verteidigen, standen im schärfsten Gegensatz zu dem brutalen, sinnlosen und grausamen Hass. O törichte Illusion zu glauben, man könne Ihn durch das Binden seiner Hände bewegungslos machen! Es hätte genügt, wenn er gesagt hätte: „Seile, löst euch!“, und sie wären zu Boden gefallen. Hätte er es gewollt, hätten sich die Stricke sogar in Schlangen verwandeln können, um seine Peiniger anzugreifen.
Das Außergewöhnliche ist, dass er sich freiwillig der Geißelung auslieferte. Wir können uns seine sanften Stöhne vorstellen, seinen heiligsten Leib, der sich vor Schmerz krümmt, sein anbetungswürdiges Fleisch, zerfetzt von der Geißel. Dies war das Fleisch des Gottmenschen! Er stand da, voll Würde, sanftmütig und ohne Widerstand, im Innern mit dem Ewigen Vater vereint im stillen Gespräch.
Wir können uns auch vorstellen, wie der Sohn Gottes, der höchste Lenker aller Ereignisse, in diesem Augenblick an die gesegnete Zivilisation dachte, die eines Tages auf den Verdiensten seiner Passion aufgebaut werden würde. Doch ach — er sah auch, dass die christlichen Nationen sich zu einer bestimmten Zeit gegen Ihn wenden würden und von einer Anti-Zivilisation beherrscht würden.
Da diese Welt den persönlichen Gott leugnen würde, würde sie auch die Personalität und Einzigartigkeit des Menschen leugnen.
In dieser nivellierten Anti-Zivilisation würde die Menschheit eine totale Gleichmacherei verkünden und sich so einer rebellischen kommunistischen Utopie unterwerfen. Diese Utopie würde das Eigentum leugnen und damit die Gerechtigkeit; sie würde die Familie leugnen und damit die Reinheit; sie würde die Religion leugnen und damit alles Heilige; sie würde die Tradition leugnen und damit die Geschichte. Durch die Umkehrung aller Werte würde diese Anti-Zivilisation ein großes Chaos hervorbringen, ein großes Vakuum, in dem die ehemals christlichen Völker ertrinken würden. Diese Anti-Zivilisation ist die Tyrannei der Materie, der Maschine, der Anonymität und des Atheismus — mit einem Wort: die Herrschaft Satans.
Unser Herr hätte klagen können wie der Prophet David: „Was nützt mein Tod …?“ (Psalm 30,9) Was nützt mein Blut, das ich so freigebig und so überreichlich vergieße?

Die Dornenkrönung
„Und die Soldaten flochten eine Krone aus Dornen, setzten sie ihm aufs Haupt und legten ihm einen Purpurmantel um.“ (Johannes 19,2)
Unser Gott, mit Dornen gekrönt! Beweist dies nicht, dass das Königtum Gottes ein Königtum des Leidens ist? Nehmen wir also das Leiden an: das Leiden durch Demütigungen; das Leiden durch Ungerechtigkeit; das Leiden der unermüdlichen Anstrengung, Gutes zu tun; das Leiden der Selbstverleugnung. Das Leiden aus dem Christentum entfernen heißt, Christus zu beleidigen, der eine Dornenkrone angenommen hat. Christ sein und sich davor fürchten, für Gott zu leiden, heißt, Gott auf einen bloßen Bankier zu reduzieren, der jeden unserer Wünsche erfüllt, oder auf einen einfachen Diener, der uns nach Belieben bedient. Das Leiden aus dem Christentum zu verbannen bedeutet, ihm das Rückgrat zu brechen.
Sind wir etwa nur Schönwetterfreunde? In Wahrheit ist es nicht christlich, sich davor zu fürchten, sich für Christus, unseren größten Freund, hinzuopfern. Begehen wir nicht das Verbrechen, Jesus auf Golgotha zu verlassen. Schlagen wir nicht durch die Sünde auf sein Angesicht ein, das aus Liebe zu uns verwundet wurde. Seien wir keine herzlosen Hyänen, sondern vielmehr „sanftmütig und von Herzen demütig“ wie er. (vgl. Matthäus 11,29)

