Mons. Tihamér Tóth – „Religion“ und Jugendbildung
Wer sich von Gott lossagen will, der soll für sich auch eine neue Welt schaffen. Ich aber will mich nicht lossagen, sondern hineinwachsen, hineinreifen in die Gedanken Gottes und ihm immer ähnlicher werden.
Einen schöneren Adelsbrief können wir nicht haben als den, mit dem die Bibel das erste Menschenpaar seinen Lebensweg antreten lässt: „Gott erschuf den Menschen nach seinem Ebenbild“ (1 Mos. 1, 27). In der Natur finden wir nur die Spuren Gottes, der Mensch aber ist geradezu das Ebenbild Gottes! Sein Ebenbild durch seine geistige, unsterbliche Seele, durch seinen Verstand, seinen freien Willen; aber ganz besonders, wenn die göttliche Gnade in ihm wohnt.
…Ich habe nur eine Seele, aber die ist mir ein umso wertvolleres Kleinod. Was für ein unscheinbares, winziges Geschöpf ich auch ansehe, jedes spricht von den Eigenschaften Gottes: von seiner Macht, Weisheit, Liebe; betrachte ich aber den Menschen, so sehe ich, dass Gott in ihm ein noch erhabeneres Werk geschaffen hat als in der Pracht des unendlichen Sternenhimmels. Je mehr die Physiologie die wunderbar funktionierenden Teile des menschlichen Organismus kennenlernt, je klarer die Psychologie das Riesenreich des menschlichen Seelenlebens uns enthüllt, umso überwältigender muss die Bewunderung sein, die wir dem Schöpfer des Menschen schulden. Und in welcher Erhabenheit steht über allen diesen Dingen die Menschenseele vor uns, wenn wir bedenken, dass in der sündenfreien Seele Gott selbst wohnt, dass sie der Tempel des Heiligen Geistes ist!
Wenn du dich nur einmal in diesen gewaltigen Gedanken einleben könntest, dass die sündenlose Seele der Tempel des Heiligen Geistes ist! Wie? In meiner Seele wohnt der Heilige Geist! Was bedeutet das? Es bedeutet, dass er mich mit seinen Gaben weise macht, damit ich mit meinem Leben Gott und meiner Seele diene; dass er mich klug macht, damit ich meinen Glauben besser erfasse; dass er mir in meinen seelischen Angelegenheiten Ratschläge gibt, mich stärkt für die Erfüllung meiner Pflichten, mir Wissen verleiht, um Gottes Willen erkennen zu können, Frömmigkeit, um ihm zu folgen, und Gottesfurcht, um Gott treu zu dienen.
Gottes Bild in meiner Seele so schön wie möglich zu bilden, meinen Sinn, meine Triebe und Wünsche seinem Willen unterzuordnen, „um der göttlichen Natur teilhaftig zu werden“ (2 Petri 1, 4): das ist der Zweck meines Lebens. Ein erhabenes Ziel! Wer aber in seiner Seele Gottes Bild vernachlässigt, der mag in den Augen der Welt noch so Großes geschaffen haben, dessen Werke sind Spreu, die vom Winde zerstreut werden.
Ist das nicht Übertreibung?
Nein, das ist keine Übertreibung!
Schau nur, mein Junge: Es gab eine Zeit, in der noch keine Menschen lebten; Gott aber war schon. Es gab eine Zeit, da kein Vogel in der Luft flog, kein Fisch im Wasser schwamm; Gott aber war. Es gab eine Zeit, in der noch keine Bächlein murmelten, noch keine Wiesen grünten, die Sonne noch nicht aufging, die Sternlein noch nicht funkelten und es kein Wassertröpflein und kein Sandkorn gab; Gott aber war. Tausend Jahre sind für ihn wie ein Tag. In ihm ist nicht einmal ein Schatten der Veränderlichkeit. Alles nützt sich ab gleich dem Gewande, seine Jahre aber „währen für und für“.
Und schau: deine Seele gleicht irgendwie diesem erhabenen Gott, sie ist irgendwie sein Ebenbild! Die menschliche Seele hat zwar einen Anfang, aber ein Ende wird sie nicht haben. Alles stirbt, alles vergeht – die Seele nicht! Tausend und hunderttausend Jahre vergehen – und deine Seele lebt! Menschen, Millionen sterben — deine Seele lebt! Und wie lebt sie? In ewiger Glückseligkeit an der Seite Gottes, oder in ewiger Pein von Gott verstoßen.
Quelle: Mons. Tihamér Tóth – „Religion“ und Jugendbildung
Mons. Tihamér Tóth (1889–1939) war Bischof von Veszprém-Ungar, Universitätsprofessor und einer der bedeutendsten Jugendseelsorger des 20. Jahrhunderts. Seine Werke richteten sich besonders an junge Menschen und wollten ihnen helfen, ihren Glauben, ihren Charakter und ihre moralische Haltung zu stärken.

